Als Forstwirt in Washington

Jetzt bin ich seit 142 Tagen wieder da. Hunderzweiundvierzig. Eins, vier, zwei.

Ich bin da, wo ich immer hinwollte. Ich habe es geschafft. Ich bin immatrikuliert, trotz meiner Zweifel, trotz meines miserablen Abiturs. Ich studiere endlich Forstwirtschaft. Ich habe endlich Leute um mich, die so sind wie ich.

Aber ich weiß nicht warum. Warum fühle ich mich so, als ob ich nie Zuhause angekommen wäre? Warum gucke ich hoch zum Vollmond und fühle Heimweh? Warum sehe ich in jeder Sache nur eine Verbindung zum Pazifischen Nordwesten? Es gibt so viel, was mich dorthin zieht…

Klar, meine Familie, die ich über alles liebe ist hier. Klar, meine Freunde sind hier, die mich immer unterstützt haben.

Klar, meine Kommilitonen, die zu Freunden werden sind auch hier. Aber ich fühle mich nicht so, als ob ich hierher gehöre.

Man hat seinen Traum von vor fünf Jahren endlich erreicht, ist aber irgendwie wieder in das alte Muster reingefallen. Das Muster, was ich eigentlich brechen wollte. So sitze ich hier an einem Freitagmorgen um zwei Uhr Nachts und schreibe einen Text über meine Gedanken und die Folgen des PPPs.

Ich weiß nicht welches Gefühl es ist. Ist es Fernweh, oder gar Heimweh? Ist dieser Fleck Erde an der Westseite der USA, der sich Skagit Valley nennt, wirklich so wunderschön, wie ich ihn in Erinnerung habe? Es steht fest, ich muss dorthin zurück. Sei es nur für einen Urlaub oder gar für mein Leben. Ich werde hier glaube ich nie mehr so glücklich wie dort drüben.

Es gibt etwas, was einem einfach die Lust auf Abenteuer ins Leben treibt. Zumindestens als ich in Washington war. Hier erlebe ich nur Papier, blankes, unnötiges Fachwissen, welches vollkommen am Praxisgeschehen vorbeiwirkt. Obwohl ich weiß, dass alles seine Begründung hat, fällt es mir schwer nicht missmutig zu werden. Ich weiß es geht nämlich auch anders.

Ich war schon einmal Förster. Ich kann es wieder sein. Ich muss es nur wollen. Ich hatte schon alles. Meinen Traum hatte ich schon erfüllt. Warum musste ich weg?

Douglasien, Zeder und Hemlock warten auf mich und ich werde nicht zurückscheuen ehe ich wieder Regen auf dem Fels in den Bergen vor Seattle rieche. Ich werde nicht aufgeben, bis ich wieder Paradise an Mount Rainier gesehen habe. Diablo und Baker Lake warten auf mich.

Ich werde niemals aufgeben: Ich habe so vieles gesehen und so viel erlebt. Es gibt so viele Beispiele, z.B. der Tag, wo ich mit Niklas Nolte den komischen deutschen Kauz kennenlernte…

Oder wieder mit Rainer, Torge und Susan an ihrerr Ranch sitze und den Blick auf Mount Adams genieße.

Oder wie ich ganz einfach am Mount Erie sitze und den Blick auf den Pazifik habe.

Oder wie ich beim Vollmond mit einem Bier zu viel in den heißen Quellen sitze.

Oder wie ich mit meinen Gasteltern in eines der Zahlreichen Bergdörfer reiste.

Oder wie ich in die Teufelsklaue griff und mir noch immer Stachel aus meiner Hand ausrupfe.

Oder wie ich auf Windwurf mit meinen Stahltretern herumturne.

Oder wie ich mit meinen Kollegen einen Bestand komplett erfasse.

Oder wie ich Mann zum Tier mit einer wilden Bergziege gegenüberstehe.

Oder wie ich mein Traumauto als Arbeitswagen gefahren bin.

Oder wie ich mich festgefahren habe.

Oder wie Melinda und ich Fish and Chips in der Shrimp shack aßen.

Oder wie ich das erste Mal Seeotter sah.

Die meisten werden nie verstehen was ich meine.

Es gibt nichts, aber auch garnichts, was mich hier halten kann. Wenn mir irgendetwas seine magische Hand ausstrecken würde, würde ich sofort zugreifen, wenn es bedeutet, dass ich zurückkomme.

Auch wenn der Deutsche Wald so viel verspricht, so hat er nicht das gewisse Etwas um mich hier zu halten. Wenn ich es nicht versuche, wenigstens zurückzukommen, werde ich es komplett bereuen. Auch wenn ich es wirklich versuche in Worte zu fassen: ich werde es niemals hinbekommen zu sagen, was ich an Deutschland nicht mag. Das Leben ist hier einfach. Man ist drauf eingestellt. Aber irgendwie fühle ich mich nicht Zuhause.

Und der Morgen hielt eine Idee für dich bereit.

Wie die Zukunft dich und Alles um dich heilt.

Hundertzweiundvierzig

Einhundert, zwei und vierzig

Eindeutig 142 zu viel…

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1 Kommentar

  1. M. Birke 13. Dezember 2019

    Folge deinem Traum. Auch mich hat der Sakigt Valley Virus vor 28 gepackt, und nicht mehr losgelassen. Ich hatte beruflich nicht die Möglichkeiten dort erfolgreich zu sein und die Liebe hat mich hier gehalten. Heute ist die Welt so viel kleiner geworden. Eines meiner liebsten Reiseziele ist der Pazifik Nortwest. Mach deine Träume war. Carpe diem.

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© 2020 Maximilian in den USA

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