Mit den Paragraphen auf Du und Du – ein Bericht der Saarbrücker Zeitung über mich aus dem Jahre 2015

14. August 2015

Alend Gravi hat nach einer Orientierungsphase seinen Traumberuf gefunden

 Alend Gravi hat keine Angst vor komplexer Gesetzesmaterie. Er will später noch Rechtspfleger werden. Foto: Oliver Dietze

Alend Gravi hat keine Angst vor komplexer Gesetzesmaterie. Er will später noch Rechtspfleger werden. 
Saarbrücken. Alend Gravi hatte schwer zu kämpfen, bis er seine Ausbildung zum Rechtsanwaltsfachangestellten zu Ende gebracht hatte. Der junge Iraker musste nicht nur mit Vorbehalten gegen Ausländer umgehen lernen. Sarah Emminghaus

Als Alend Gravi mit 15 Jahren die Hauptschule abschloss, hätte er von seinem aktuellen Berufserfolg kaum zu träumen gewagt. Damals hatte er keine Ahnung, was er mit seinem Leben machen sollte. Er entschied sich für ein Berufsgrundbildungsjahr, um seinen Dreier-Notendurchschnitt zumindest ein wenig zu verbessern, bewarb sich dann wahllos bei Betrieben. „Hauptsache, irgendeine Ausbildung“, sagt der heute 19-Jährige.

Viele Absagen später bekam er ein Praktikum in einer Saarbrücker Anwaltskanzlei. Und verlor es schon nach einer Woche wieder, weil er einen Schrank kaputt gemacht haben soll. Doch jetzt hatte Gravi gefunden, was ihm Spaß macht. Es folgte ein zweites Praktikum in einer anderen Kanzlei, dann dort die Ausbildung zum Rechtsanwalts-Fachangestellten. Seinen Abschluss hat er jetzt mit Bravour gemacht: Mit 94 Prozent war er zweitbester in seinem Jahrgang. Sein turbulentes Leben sieht man ihm nicht an: Er ist in Saarbrücken geboren und zur Grundschule gegangen, verbrachte dann mit seiner Familie vier Jahre in Dohuk, einer kurdischen Stadt im Irak – und der Heimat seiner Eltern. Als er dreizehn war, zog die Familie wieder nach Saarbrücken .

In der Schule – Alend kam in die achte Klasse der Rastbachtal-Gesamtschule – fühlte er sich „total fehl am Platz“. Ein neues Notensystem, die schwierige Wiedereingliederung in Deutschland – er war unmotiviert und noch schüchterner als heute. Seine Noten waren schlecht, die Wohnsituation auch. Sie wohnen zu siebt in einer kleinen Wohnung in Saarbrücken . Es fehlte an Platz zum Lernen.

Erst in seinem Ausbildungsbetrieb fühlt er sich wohl. Die Materie gefällt ihm, die Berufsschule fällt ihm nicht schwer. Er hat ein gutes Verhältnis zu Chef und Kollegen. Sein Chef, Rechtsanwalt Martin Schmitt , spricht von Alend wie von einem Sohn: „Alend ist ein wirklich cooler Typ. Und er hat so viel erreicht!“ In der Berufsschulklasse fühlte er sich zwar anfangs als Außenseiter: Er war einer von zwei, die „nur“ einen Hauptschulabschluss hatten, und mit 16 war er außerdem der Jüngste. Aber gute Noten motivierten ihn.

Heute spricht er mit leuchtenden Augen von Details des Zwangsvollstreckungsrechts. Schmitt wirft lachend ein: „Von manchen Dingen versteht Alend mehr als ich!“

Alend schätzt das Vertrauen seines Chefs. Bei seinem ersten Praktikum, bei dem er gekündigt wurde, habe er sich nicht wohl gefühlt, sagt der junge Iraker. Er sah sich wegen der Herkunft seiner Eltern diskriminiert. Das habe wohl auch eine Rolle bei der Entlassung gespielt. Alend glaubt, dass Rassismus im Beruf oft vorkomme.

Er passt in keines der Klischees, die oft bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund wiederholt werden: Um sich zu beschreiben, verwendet er Adjektive wie „ordentlich“ und „zielstrebig“ – er findet sich „total deutsch“. Das sei er schon immer gewesen.

Jetzt will Alend noch mehr erreichen. Der nächste Schritt ist das Fachabitur, danach das Studium zum Rechtspfleger. Damit kann er am Gericht arbeiten. Wie er sich den Aufstieg erklärt? Er zuckt mit den Schultern. „Ich wollte es einfach.“

Zum Thema:

Seit Oktober 2014 haben sich mehr als 5400 Jugendliche bei der Arbeitsagentur und den Jobcentern im Saarland gemeldet, weil sie Hilfe bei der Suche nach einer Ausbildungsstelle brauchen. Fast 2100 unter ihnen hatten einen Hauptschulabschluss. Das entspricht einem Anteil von 38,3 Prozent. Mitte Juli waren noch rund 1600 junge Leute ohne konkrete Zusage für einen Ausbildungsplatz, davon 700 mit einem Hauptschulabschluss. Mit einem Anteil von 43,5 Prozent an allen derzeit noch unversorgten Bewerbern sind diese Jugendlichen in dieser Gruppe überrepräsentiert. red“

Nachzulesen: https://www.saarbruecker-zeitung.de/alend-gravi-hat-nach-einer-orientierungsphase-seinen-traumberuf-gefunden_aid-1578202

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